Ein Pflaster für die Maus – Warum Verletzlichkeit Menschlichkeit schafft!

von | 4 Aug. 2025 | RESILIENZ, GESUNDHEIT, KOMMUNIKATION, KONFLIKTMANAGEMENT, PSYCHOLOGIE, TRAUERBEGLEITUNG, VERÄNDERUNG

Die meisten von Euch kennen den traurigen Vorfall mit der Maus-Figur in Köln. Das Maskottchen der bekannten „Sendung mit der Maus“ wurde im vergangenen Monat Opfer von Vandalismus: Unbekannte setzten die Figur vor dem WDR-Gebäude in Brand, die rechte Seite ist angekokelt, die Farbe abgeblättert. Was der beliebten Kinderfigur widerfuhr, hat viele Menschen – gerade hier in Köln – auf unerklärliche Weise tief berührt.

Direkt nach der Tat zeigten Passanten und Kinder ihr Mitgefühl auf eine ganz besondere Weise: Sie klebten Pflaster auf die verkohlte Stelle an der Maus, fast so, als wollten sie die Wunde heilen. Dieses unerwartete Symbol der Solidarität wurde zum Stadtgespräch und bewegte viele Menschen auf den sozialen Netzwerken und weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Die orangefarbene Maus stand plötzlich sinnbildlich für etwas, das uns allen zutiefst vertraut ist: Verwundbarkeit – und wie daraus Stärke und Verbundenheit wachsen kann.

Unsere vielen Wunden – sichtbare und unsichtbare

Wir alle tragen Wunden in uns – meist nicht so sichtbar wie bei der Maus in Köln. Manche Wunden sind äußerlich, viele sind unsichtbar: das sind seelische Kratzer, die uns eine Enttäuschung, ein Verlust oder eine Verletzung aus der Vergangenheit hinterlassen haben. Und wie oft versuche ich selbst, diese Stellen zu verstecken – manchmal sogar vor meinen engsten Freunden oder meiner Familie? Doch genau das Beispiel der Maus hat mir wieder eindrücklich gezeigt: Erst wenn wir unsere Verletzlichkeit sichtbar machen, kann echte Verbindung und Mitgefühl entstehen. Verletzlichkeit ist keine Schwäche, sie ist eine zutiefst menschliche Stärke.

Warum das Pflaster ein Zeichen von Stärke ist

In meiner Arbeit als Coach und Trauerbegleiterin – mit Schwerpunkt auf Trauerbegleitung in Köln – und auch persönlich ist mir das Thema Resilienz immer wieder begegnet – die Fähigkeit, nach Krisen nicht nur zurückzukommen, sondern daran zu wachsen. Die promovierte Sozialwissenschaftlerin Brené Brown hat sich über 20 Jahre lang intensiv über Verletzlichkeit, Scham, Resilienz und Authentizität beschäftigt. Sie entdeckte, dass Verletzlichkeit keine Schwäche, sondern eine Grundvoraussetzung für Entwicklung, persönliche Widerstandskraft und echte Zugehörigkeit ist. [1]

Wir lernen von klein auf oft, Schwäche zu verbergen – ich kenne das nur zu gut. Doch diese Offenheit für unsere Unsicherheiten ist genau das, was uns authentisch macht und uns Kreativität, Wachstum und Resilienz ermöglicht. Die kleinen Pflaster auf der Maus bedeuten für mich daher auch: „Du bist nicht allein mit Deiner Wunde. Wir sehen Dich. Wir kümmern uns um Dich.“

Diese Geste wirkt tatsächlich stärkend. Studien belegen, dass Mitgefühl Schmerzen lindert, Stress reduziert und sogar die Selbstheilung fördern kann. [2] Wenn wir den Mut haben, uns zu zeigen, Schwäche zuzulassen und Hilfe anzunehmen – sei es im privaten Umfeld oder durch eine professionelle Trauerbegleitung in Köln – öffnen wir nicht nur uns selbst, sondern geben auch anderen Raum, erst mitfühlend sein zu können. So wächst Zugehörigkeit und Gemeinschaft – widerstandsfähig und menschlich.

Öffnen statt Verstecken, teilen statt mauern

Stell Dir vor, Du bist die Maus – vielleicht hast auch Du an manchen Stellen kleinere oder größere „Brandspuren“. Was würde passieren, wenn Du Deine Wunden zeigst? Ich weiß, wie viel Überwindung das kostet – aber es lohnt sich. Oft erleben wir nämlich dann genau das, was ich mir auch wünsche: Freund:innen, Kolleg:innen – vielleicht sogar Fremde – senden uns Pflaster, Umarmungen oder ein gutes Wort. Und plötzlich wird die Verletzlichkeit weniger einsam.

Wissenschaftliche Studien bestätigen: Offene Gespräche und das Zulassen von Verwundbarkeit, etwa über Sorgen und Rückschläge, fördern unsere Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit. Nähe und Vertrauen wachsen gerade durch diese Offenheit. [3]

Mit Verletzlichkeit führen – eine besondere Kompetenz

Was ich aus meiner Arbeit ebenfalls gut kenne: Verletzlichkeit ist eine starke Führungsqualität – auch wenn das auf den ersten Blick paradox erscheinen mag. Teams spüren sehr deutlich, wenn Führungskräfte offen zugeben, nicht alles zu wissen, und den Mut aufbringen, Fehler einzugestehen. Nur so kann im beruflichen Umfeld eine Kultur der Offenheit und des Lernens entstehen. Auf dieser Basis schaffen wir psychologische Sicherheit – eine Voraussetzung dafür, dass Innovation gedeihen und eine positive Fehlerkultur wachsen kann.

Die Kraft des Mitgefühls

Das Pflaster, das wir der Maus schenken, ist mehr als nur ein Trostpflaster. Es ist die Zusage: Ich sehe Dich, ich fühle mit Dir. Genauso sollten wir uns auch selbst mit offenem Herzen begegnen. Die Psychologin Kristin Neff spricht hier von Selbstmitgefühl – der Fähigkeit, sich selbst freundlich anzunehmen, wenn es mal „brennt“.

Deine Wunde, Deine Verletzlichkeit, Deine Stärke

Vielleicht siehst Du Deine Wunden nicht auf den ersten Blick. Oder Du schämst Dich, diese zu zeigen. Doch diese Erfahrung – die so viele Menschen mit der Maus in Köln teilen – lehrt uns: Offen gezeigte Verletzlichkeit lädt Menschen ein, sich einzubringen, zusammenzuwachsen und echte Verbindung zu schaffen.

Was ich Euch gern mitgeben möchte:

  • Scheut Euch nicht, um Hilfe zu bitten oder über Trauer und Schmerzen zu sprechen.
  • Zeigt offen Eure „Pflaster“ und setze damit ein Zeichen der Stärke.
  • Seid offen für die Pflaster, die Euch andere schenken – im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne.
  • Wagt es, unvollkommen zu sein – gerade darin liegt Entwicklungspotenzial und echte Verbindung.
  • Erinnert Euch daran, dass Verletzlichkeit Mut ist, nicht Schwäche. „Verletzlichkeit ist nicht das Verlieren oder Gewinnen – es ist der Mut, sich zu zeigen, wenn man das Ergebnis nicht kontrollieren kann.“ (Brené Brown) [4]

Vielleicht möchtest Du beim nächsten Mal, wenn Du eine Wunde spürst – bei Dir oder bei jemand anderem – ein symbolisches Pflaster kleben? Es ist ein kleiner Schritt, aber er kann viel bewirken – denn am Ende sind es gerade die Stellen, an denen wir verletzt wurden, die uns verbinden und menschlich machen.


[1] Mehr unter: https://www.youtube.com/watch?time_continue=7&v=7GEzL-08Q1g&embeds_referring_euri=https%3A%2F%2Fwww.bing.com%2F&embeds_referring_origin=https%3A%2F%2Fwww.bing.com&source_ve_path=Mjg2NjY

[2] Weitere Informationen dazu: Forschung zu Selbstmitgefühl – Mindful Self-Compassion (MSC)

[3] Aktuelle Artikel zum Thema: Aufklärung zu psychischer Gesundheit hat Nebenwirkungen – Psychologie Heute, Best of ze.tt: Psychische Erkrankungen – auf der Arbeit ansprechen oder verschweigen? | ze.tt

[4] Zitat aus: Die Kraft der Verletzlichkeit. Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich stark werden, 2013.

Anke Nennstiel

Anke Nennstiel

Mein Blog und Podcast ist ein Herzensprojekt von mir. Und wie Sie sich sicher denken können, gab es in meinem Leben mindestens einen großen Wendepunkt. Er hat mich nach 20 Jahren Managementerfahrung bei RTL-Television letztendlich hierhin geführt. Ihm verdanke ich das wunderbare Leben, dass ich heute führe. Ich unterstütze Menschen leidenschaftlich gerne dabei, ihre eigenen Wendepunkte – ob freiwillige oder unfreiwillige – für sich zu nutzen.

Keine News mehr verpassen

Damit Sie nichts mehr verpassen, melden Sie sich für meine Infomail an. Sie erhalten in regelmäßigen Abständen alle News und Highlights direkt und ganz bequem in Ihrem Posteingang!

Das könnte Sie auch interessieren: