Warum die fünf Phasen der Trauer nicht (mehr) ausreichen – Ein aktueller Einblick aus der Praxis der Trauerbegleitung

von | 29 Aug. 2025 | TRAUERBEGLEITUNG, ALLGEMEIN

Der Verlust eines geliebten Menschen erschüttert unser ganzes Leben – und oft sehnen wir uns nach einer klaren Orientierung, nach Gewissheiten, wie wir mit unserem Schmerz umgehen können. Die Vorstellung, Trauer verlaufe in festen, aufeinanderfolgenden Phasen und führe irgendwann zur Akzeptanz, vermittelt vermeintliche Sicherheit. Doch immer mehr zeigt sich: Dieses starre Modell passt nicht zur Wirklichkeit der Betroffenen. Trauer ist kein geradliniger Weg, sondern eine höchst individuelle Reise.

In meiner Arbeit als Trauerbegleiterin begegne ich immer mal wieder Menschen, die an ihren eigenen Gefühlen zweifeln, weil sie vermeintlich „falsch“ trauern. Sie leiden unter Erwartungen, die sich aus überholten Phasenmodellen speisen. Deshalb möchte ich heute aufzeigen, warum diese Modelle nicht mehr ausreichen, wie Trauer wirklich erlebt wird – und wie moderne Begleitung Menschen auf ihrem ganz persönlichen Weg stärken kann.

Der Beratungsraum als Zufluchtsort

Melanie S. (37) steht zögernd in meinem Türrahmen. Ihre Augen sind gerötet, die Schultern sehr angespannt. „Ich weiß nicht, in welcher Trauerphase ich gerade bin – und ob ich das alles richtig mache.“ Sie wirkt, als würde sie am liebsten wieder gehen. Im Gespräch bricht ihre Stimme: „Alle sagen, irgendwann kommt die Wut – aber ich spüre sie einfach nicht.“

Diese Unsicherheit begegnet mir als Trauerbegleiterin häufig – die Erwartung, dass Trauer einen festen, vorhersehbaren Ablauf nehmen müsste. Und damit verbunden natürlich auch die Hoffnung, dass sie irgendwann ein klares Ende hat.

Die Schattenseiten der Phasenmodelle

Lange galten die berühmten Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross1 als der Standard in der Traubegleitung – von Schock über Wut bis hin zu Akzeptanz. Doch die moderne Trauerforschung zeigt, dass dieses Gerüst längst überholt ist – aber der Mythos häufig noch bleibt. Aktuelle Studien zeigen: Menschen trauern viel individueller und pendeln zwischen Gefühlen2 und Erinnerungen, statt Phasen klar und linear zu durchlaufen. Meine Klientin Tanja (44) berichtete mir vor einigen Jahren: „Ich fühlte mich falsch, weil ich nicht in die nächste Phase kam. Der Kalender und der Trauerratgeber sagte, ich müsste schon viel weiter sein.“

Mit Tanja begann ich nicht, nach der nächsten „richtigen“ Emotion zu suchen, sondern nach ihrem eigenen Rhythmus. Sie schilderte Tage voller Leere, gefolgt von Momenten großer Sehnsucht oder Dankbarkeit – aber ohne die versprochene Reihenfolge.

Neue Perspektiven: Trauer als individuelle Entwicklungsreise

Die aktuelle Wissenschaft spricht lieber von einem inneren Pendel, von kreisenden Wellen und von immer neuen Anläufen, Schmerz und Trost miteinander zu verbinden. Es gibt nicht den „richtigen“ Weg, und daher auch keinen Endpunkt. Vielmehr bleibt die Trauer beweglich – mal laut, mal leise, manchmal unterbrochen von Lachen oder kleinen Hoffnungsschimmern. Tanja war erleichtert, als ich ihr sagte, dass ihr Empfinden „normal“ ist. Gemeinsam betrachteten wir ihre Erinnerungen, entwickelten Rituale für die schwere Tage und ließen auch wieder Freude in ihrem Leben zu, ohne schlechtes Gewissen. „Ich darf noch traurig sein – und trotzdem wieder leben“, sagte sie später. Diese Erkenntnis schenkte ihr Kraft.

Dramatische Wendepunkte und echte Erlebnisse

Daniel M. (52), ein anderer Klient, kam nach dem plötzlichen Unfalltod seines Bruders zu mir: „Mal reißt mich der Verlust mitten aus der Arbeit, mal spüre ich gar nichts. Bin ich gefühllos und habe ich meinen Bruder gar nicht wirklich geliebt?“ In der Praxis half es ihm, einen Erinnerungskasten für seinen Bruder zu gestalten und Musik zu hören, die ihn mit seinem Bruder nach wie vor verbindet. Bei einer Wanderung in den österreichischen Alpen, die er vor zwanzig Jahren bereits mit seinem Bruder gemacht hatte, konnte er dann auch Tage mit Tränen und Lachen zuzulassen. Die weite Natur half ihm, die Unendlichkeit des Abschieds anzunehmen. „Die Trauerbegleitung hat mir gezeigt, ich bin nicht allein mit meiner Unordnung im Kopf.“

Marion P. (68) entschied sich nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin für den Jakobsweg: „Ich dachte, ich müsste an jedem Gedenktag traurig sein. Aber manchmal war ich dort einfach froh, am Leben zu sein. Das hat mich überrascht, ziemlich erschrocken und gleichzeitig befreit. Die Erfahrung, dass Trauer nie einem Schema folgt, öffnete mir im wahrsten Sinne des Wortes neue Wege.“

Aktuelle Erkenntnisse aus der Trauerforschung

Moderne Studien zeigen, dass Trauer kein linearer Prozess ist, sondern individuell sehr verschieden verläuft. Professor George Bonanno von der Columbia University etwa fand in umfangreichen Langzeitstudien heraus, dass etwa 90% der Trauernden nicht „alle Phasen“ durchlaufen, sondern auf sehr unterschiedliche Weise mit Verlusten umgehen. Manche erleben unmittelbar nach dem Verlust eine erstaunliche Resilienz, andere pendeln über Jahre zwischen Schmerz und Normalität.3

Neuere Modelle sprechen vom „Pendeln“ oder „Schwingen“ zwischen Gefühlen wie Schmerz, Schuld, Sehnsucht und kleinen Momenten der Freude. Wichtig ist, dass Trauernde diese wechselnden Zustände als natürlich erleben und anerkennen können – und nicht als persönlichem Misserfolg beim „richtigen Trauern“ ansehen.

Die Vielfalt der Trauer sichtbar machen

Trauer kennt viele Gesichter: den langen Abschied nach Krankheit, den plötzlichen Verlust durch Unfall, die stille Trauer um einen Lebenstraum. Auch kulturelle Unterschiede, Lebensphasen und Bindungsmuster prägen das Erleben. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg – und alle Wege sind richtig, solange sie sich authentisch anfühlen.

Es ist in Ordnung, traurig zu sein – auch nach Jahren. Und genauso in Ordnung, das Leben weiter zu lieben.“

Kein Schema, sondern Orientierung und Sinn Raum für alles

„Meine Aufgabe ist, einen Ort zu schaffen, in dem alles erlaubt ist – auch das Unaussprechliche.“ Auch ich als Trauerbegleiterin weiß in der Arbeit mit Klienten oft nicht, was als Nächstes kommt – und das ist okay. Mein Auftrag ist, offen zu begleiten, Schwere und Leichtigkeit gleichermaßen Raum zu geben – zuzuhören und da zu sein. Als Trauerbegleiterin in Köln pflege ich Hoffnung – nicht, dass alles „wieder normal wird“, sondern dass es möglich ist, mit der eigenen Trauer zu leben und wieder Freude zu finden. Nicht die Phasen machen den Weg durchs Dunkel heller, sondern die eigene Begegnung damit und die Verbundenheit mit den Menschen und das gesunde Durchleben mit der Trauer.

*Alle Namen und Beispiele sind aus Datenschutzgründen geändert.

1 Elisabeth Kübler-Ross ist eine schweizerisch-amerikanische Psychiaterin, die 1969 das weithin bekannte Modell der „Fünf Phasen der Trauer“ beziehungsweise Sterbebewältigung entwickelte. Ursprünglich basierte ihr Modell auf Beobachtungen von sterbenden Menschen im Umgang mit ihrer eigenen Todesnähe. Die fünf Phasen sind: Verleugnung (Nicht-wahrhaben-wollen), Zorn (Wut), Verhandeln, Depression, Akzeptanz.

2 Siehe: Stroebe, Margaret, Schut, Henk (1999): „The dual process model of coping with bereavement: rationale and description”.

3 Siehe: Bonanno, George: The Other Side of Sadness“ (2009).

Anke Nennstiel

Anke Nennstiel

Mein Blog und Podcast ist ein Herzensprojekt von mir. Und wie Sie sich sicher denken können, gab es in meinem Leben mindestens einen großen Wendepunkt. Er hat mich nach 20 Jahren Managementerfahrung bei RTL-Television letztendlich hierhin geführt. Ihm verdanke ich das wunderbare Leben, dass ich heute führe. Ich unterstütze Menschen leidenschaftlich gerne dabei, ihre eigenen Wendepunkte – ob freiwillige oder unfreiwillige – für sich zu nutzen.

Keine News mehr verpassen

Damit Sie nichts mehr verpassen, melden Sie sich für meine Infomail an. Sie erhalten in regelmäßigen Abständen alle News und Highlights direkt und ganz bequem in Ihrem Posteingang!

Das könnte Sie auch interessieren: